lit.COLOGNE erhält den 22. Ohrenorden

06.05.2013 Eine Laudatio von Frank Schätzing
Vor langer Zeit lebte in Persien ein König mit Namen Schahrayar, dem eines Tages passierte, was schon ganz anderen passiert ist. Seine Frau ging fremd. Zu allem Überfluss mit einem Sklaven. Zutiefst gedemütigt, tat Schahrayar, was sich heute aus verschiedenen Gründen verbietet, er ließ die untreue Gattin köpfen. Überzeugt, dass keine Frau der Welt ihm je treu sein würde, heiratete er fortan jeden Tag eine andere, verbrachte die Nacht mit ihr und überantwortete sie am folgenden Morgen dem Scharfrichter, bevor sie ihn betrügen konnte. 

Das ging eine ganze Weile so, bis Scheherazade, die Tochter des königlichen Wesirs beschloss, dem Spuk ein Ende zu machen. Schon ihrer Schönheit wegen war Schahrayar nur allzu gewillt, sie zu ehelichen, und als nun die Nacht hereinbrach und beide, erschöpft vom Liebesspiel, in seinem prunkvollen Schlafgemach bei Kerzenschein da lagen, begann Scheherezade, ihm eine Geschichte zu erzählen. Atemberaubend spannend, gekonnt vorgetragen. Der König lauschte fasziniert, der Morgen graute – und mittendrin brach Scheherazade die Geschichte ab. 

„Kommende Nacht“, ließ sie ihn wissen, „erzähle ich dir, wie es weitergeht.“ 

Dem König war klar, dass seine Frau ihn gerade nach allen Regeln der Kunst ausgetrickst hatte, aber weil er unbedingt wissen wollte, wie es weiter ging, ließ er sie wohl oder übel erst mal am Leben. Und tatsächlich erzählte ihm Scheherezade in der folgenden Nacht die Geschichte zu Ende, begann aber schnell noch mit einer neuen - und brach auch die wieder ab, bevor die ersten Sonnenstrahlen das Land küssten. 

Und wieder ließ Scharayar sie am Leben. Der Witz war, dass Scheherezades Schwester Dinharazade ein Buch besaß, ein großes literarisches Werk des Morgenlandes, in dem Tausende solcher Geschichten standen, so dass sie ihe Schwester jede Nacht mit einer neuen versorgen konnte. Schahrayar wurde regelrecht süchtig nach diesen Geschichten, er lauschte und lauschte, zeugte nebenbei drei Kinder mit Scheherezade, und nach Ablauf von 1001 Nacht war er endlich von ihrer Treue überzeugt und ließ sie am Leben, und was lernen wir daraus?

 1.    Ein literarischer Vortrag im richtigen Ambiente kann Menschen verzaubern. 
2.    Funktioniert aber nur, wenn’s sexy rübergebracht wird.

 Etwa das müssen sich Rainer Osnoswski, Edmund Labonté und Werner Köhler wohl gedacht haben, als sie 2001 beschlossen, ihr Literaturfestival aus der Taufe zu heben. Literarische Vorträge waren damals nichts Neues, allerdings fanden sie meist verschämt in Buchhandlungen statt, wo dann das Reiseführerregal zur Seite gerollt wurde, um Platz für 20 Resopalstühlchen zu schaffen, und die Lesung selbst war auch nicht so sexy – oder, um es positiv auszudrücken, sie brachte niemanden um den Schlaf.
 
 Also entwickelten die Drei etwas grundlegend Neues. Und was neu ist, hat Gegner. Aus irgendwelchen Gründen war der klassische Literaturbetrieb immer der Meinung gewesen, Lesungen müssten ernst, unbeholfen und langweilig sein, möglichst vorgetragen vom Autor selbst, der sich somit genötigt sah, seinen guten Text schlecht zu Gehör zu bringen – nicht jeder, der fesselnd schreibt, liest auch automatisch gut vor. Aber genau dieses schüchterne Rascheln, blättern, Stammeln, Stocken, falsch betonen, sich verhaspeln und zu seiner Krawatte sprechen galt im Literaturbetrieb als authentisch - eine Logik, der zufolge man dem Genie Mozarts am besten gerecht würde, ließe man seine Musik von ausgemachten Dilettanten in Räumen mit suboptimaler Akustik aufführen. 

Osnowski, Köhler und Labonté dachten sich: Das muss anders gehen, Vielleicht William Faulkner im Ohr. Dessen Credo lautete: Schreibe den ersten Satz so, dass der Leser auch den zweiten lesen will. Und sie dachten sich, warum soll, was fürs Schreiben zutrifft, nicht auch für literarische Vorträge gelten: Lese den ersten Satz so vor, dass der Zuhörer auch den zweiten hören will. 

Also gesellten sie den Autoren, die des Vorlesens nicht so mächtig waren, professionelle Sprecher, Schauspieler und Moderatoren hinzu. Die Puristen mäkelten erwartungsgemäß daran herum, die Praxis hingegen zeigte, dass es weit mehr Spaß machte, wenn ein Schriftsteller im Live-Interview spannend von sich erzählte als schlecht vorlas, den Lesepart übernahmen dann die Profis.

 Dass wir uns nicht missverstehen: Auch unter Autoren gibt es begnadete Vortragskünstler. Ich habe mal viereinhalb Stunden lang Harry Rowohlt gelauscht, ohne ein einziges Mal zur Toilette zu gehen – im Gegensatz zu ihm hatte ich allerdings auch nichts zu trinken. Solche Autoren gibt es, aber sie sind eher selten. Die Antwort auf die Frage der Puristen, warum auf der lit.COLOGNE oft Profis die Texte der Autoren vortragen, lautet denn auch schlicht und einfach: Weil sie es können. 

Eines der großen Geheimnis der lit.COLOGNE ist damit, dass sie dem Bedürfnis des Lesers nach einer gut geschriebenen Geschichte ebenso gerecht wird wie dem Bedürfnis des Publikums nach einer gut vorgelesenen Geschichte – und ganz speziell den Bedürfnissen des Autors.

 Denn auch wenn viele Autoren nicht so gern öffentlich vorlesen, nehmen sie doch sehr gerne öffentlichen Applaus entgegen. Vergessen Sie nicht, der Job des Schriftstellers ist deprimierend einsam. Zwei Jahre lang an einem Buch zu schreiben, heißt, zwei Jahre Selbstgespräche zu führen. Sie sitzen in einem Zimmer, verbringen mehr Zeit mit fiktivem Personal als mit Ihrem Partner, Ihre Protagonisten tanzen Ihnen auf der Nase rum, am Ende sehen Sie sich gezwungen, ein paar davon umzubringen, um endlich die Stätte ihrer Vereinsamung verlassen zu dürfen – bitte führen Sie sich vor Augen, wie sehr so ein armer Mensch danach lechzt, auf eine Bühne zu gehen und sich dort Applaus abzuholen.

 Bloß, lange Zeit gab es diese Möglichkeit kaum. Da war das Zuklappen des Buchdeckels im Ohrensessel des Leser der einzige Applaus, der dem Schriftsteller zuteil wurde, und den konnte er nicht mal hören. Wiederum spürte der Leser in seiner Einsamkeit oftmals den Drang, frenetisch zu applaudieren, weil ihm das Buch so ausnehmend gut gefiel. Aber das ist lächerlich – da alleine in Ihrem Sessel zu sitzen und nach jedem Kapitel zu klatschen, ihr Partner wird es dahingehend missverstehen, dass Sie ständig einen Drink wollen.

 Das haben die Macher der lit.COLOGNE  grundlegend geändert. Jetzt kommen beide auf ihre Kosten, der Buchbegeisterte darf klatschen, der Autor nimmt den Applaus gerührt entgegen.  Ein weiteres Geheimnis der lit.COLOGNE ist, dass ihre Macher nie Angst vor Trends hatten. Interessanterweise entwickelte sich, als die lit.COLOGNE startete, ein junges Medium, das ebenfalls versuchte, Menschen Literatur auf ungewöhnliche Weise nahezubringen, das Hörbuch, die Lesung auf Kassette oder CD. Die lit.COLOGNE erkannte die Möglichkeiten dieser neuen Umsetzung von Literatur nicht nur, sie trieb sie gekonnt auf die Spitze, indem sie das akustische Literaturerlebnis zum audiovisuellen, multimedialen Literaturerlebnis weiterentwickelte. Nicht von ungefähr erfreuen sich heute beide größter Beliebtheit, Hörbuch und lit.COLOGNE, wobei die lit.COLOGNE gegenüber dem Hörbuch den Vorzug hat, dass man seinem Vordermann an der roten Ampel nicht vor lauter Faszination hintendrauf brettert - die meisten Audiobooks werden im Auto gehört.
 
 Das ganz große Geheimnis der lit.COLOGNE aber ist, dass sie es schafft, nahezu jeden anzusprechen. Eben weil sie einzigartige Live-Erlebnisse bietet, gehen auch viele zu den Veranstaltungen, die die Bücher schon gelesen haben. So wie die Fans von Anne Sophie Mutter, den Wildecker Herzbuben oder David Bowie jeden Preis zahlen, um live zu erleben, was sie eigentlich schon kennen, zieht es den Leser ins Auditorium, weil er dort seinem Star begegnet.

 Noch bemerkenswerter ist, dass Osnowski, Köhler, Labonté und ihr Team es mit schöner Regelmäßigkeit schaffen, Weniglesern einen geradezu ungezügelten Appetit auf Literatur zu machen, indem sie sie mit wohldosierten, schmackhaften Häppchen anfüttern. Eine völlig andere Herangehensweise, als wie man sie vom Feuilleton kennt, das ja lange Zeit eine Art Monopol auf Literaturvermittlung hatte und der lit.COLOGNE hier und da noch ein bisschen skeptisch gegenüber steht. Irgendwie sogar verständlich. Aufgabe des klassischen Feuilletonisten war ja immer, den Interessierten mit seiner Rezension des Buches so sehr zu verschrecken, dass er sich nicht mehr traute, es zu lesen, und bei der lit.COLOGNE kommen die Leute in Scharen. Aber auch diese Ressentiments werden weniger.

 Nun zu denen, die gar nicht lesen. Einer der Nachteile mancher Bücher ist ja – laut Robert Lemke – die zu große Entfernung zwischen Titelseite und Rückseite. Insofern kann man der lit.COLOGNE nicht genug dafür danken, dass sie auch all jene an ihr großes Herz drückt, denen schlicht die Zeit zum lesen fehlt. Genauer gesagt, die Zeit, das ganze Werk zu lesen, obwohl sie es gerne täten, um mitreden zu können. 

Wie viele schwer beschäftigte Manager haben mir mit Blick auf meine Bücher schon gesagt: „Oh, meiner Frau hat’s sehr gefallen.“ Weil sie eben selbst nicht dazu kommen. Die ganz Tapferen lesen immerhin vor dem Einschlafen. Sie legen sich „Krieg und Frieden“ auf den Nachttisch und lesen jede Nacht drei Seiten, wobei der Inhalt der letzten Seite aber schon nicht mehr von der Netzhaut ins Hirn gelangt. Unbestritten ist, dass nichts von so völliger Hingabe an die Kunst zeugt wie das Lesen im Bett, man überlässt es schließlich dem Dichter, wann man einschläft. Aber als Folge brauchen solche Menschen dann für „Krieg und Frieden“ sieben Jahre, an deren Ende sie immerhin sagen können, dass das Buch in Russland spielt.

 Wie schön also, dass es die lit.COLOGNE gibt. Da nämlich reichen wenige unterhaltsame Stunden, um hinterher trefflich über Neuerscheinungen parlieren und sogar noch profunde Aussagen über den Schriftsteller treffen zu können.

 Und letztlich übt die lit.COLOGNE sogar eine schützende Funktion aus. Insofern nämlich, als sie einer Weinprobe gleicht. Wenige Schlucke können dazu führen, dass man eine komplette Kiste kauft. Andererseits muss man keine ganze Flasche trinken, um zu wissen, dass der Wein korkt. Nicht jedes Buch ist seinem Klappentext gewachsen, im Zweifel spart ein Besuch der lit.COLOGNE die ruinöse Anschaffung eines 1000-seitigen Werks, weil man nach 20 Minuten Zuhörens weiß: Nä! Bruch isch nit!
 
 Worauf bliebe noch hinzuweisen? Oh, auf etwas ganz Wesentliches: den Starfaktor. Was die lit.COLOGNE von Anfang so an einzigartig machte, war nämlich der Umstand, dass ihre Initiatoren weder Angst davor hatten, Weltstars einzuladen, noch, sie in Locations auftreten zu lassen, die normalerweise Popstars vorbehalten sind. Und die Stars kamen. Kommen mehr denn je. Was sie lockt, ist der Mut zum Außergewöhnlichen, der die Lit-Macher auszeichnet, ihr Bekenntnis zu Glamour und Größe, ihre Kreativität, Innovationsfreude und Leidenschaft, von der ich 2004 profitieren durfte - damals erschien „Der Schwarm“, es war mein erster Auftritt im Rahmen der lit.COLOGNE, wir sprachen über geeignete Räumlichkeiten - und wie ich noch anmerke, 100 Leute sollten schon reinpassen, sagen die: "Dann nehmen wir eben den Gürzenich." - und ich sagte: "Was? Den ganzen Gürzenich? Und wenn keiner kommt?" - Antwort: "Das sehen wir ja dann."

 Indem es der lit.COLOGNE  gelang, Weltstars auf der Bühne zu versammeln, erschuf sie zugleich den Typus des Literaturgroupies. Krimifans etwa flippen schier aus, wenn Margaret Atwood oder Elisabeth George die Bühne betreten, wo sonst können Sie sich schon von einer ausgewiesenen Massenmörderin ein Autogramm geben lassen? Wer je auf einer Lesung mit Stephen King war, kennt das Vergnügen, sich anderthalb Stunden lang in die Hände eines Wahnsinnigen zu begeben. King steht, glaube ich, noch aus, dafür haben schon Patti Smith und Karl Lagerfeld auf der Lit-Bühne Platz genommen. Was dann die Puristen wieder über die Eventisierung von Literatur mäkeln lässt, was denn wohl Popstars und Modezaren mit Literatur zu tun hätten? 

Ganz einfach: Die besten Geschichten schreibt das Leben, folgerichtig ergeben die aufregendsten Lebensläufe die allerbesten Geschichten.  

Um der lit.COLOGNE  wirklich gerecht zu werden, sollten wir also vielleicht weniger von einem Literaturfestival als einem Popfestival der Literatur sprechen. Pop-Lit, so wie Andy Warhol die Kunst aus ihrer elitären Ecke holte, indem er die Pop-Art ins Leben rief. Denn was die lit.COLOGNE tut, ist das Beste, was man überhaupt mit Literatur und jeglicher Art Kunst tun kann – sie unters Volk bringen.

 Heute, 13 Jahre nach ihrem Debüt schafft es die lit.COLOGNE, Menschen zu verzaubern, so wie Scheherezade einst ihren grausamen König verzaubert hat. Die lit.COLOGNE  ist pure Magie, in beispielloser Weise macht sie sich darum verdient, dass immer mehr Menschen Bücher lieben und lieben lernen, und nur ein paar wenige wird sie nicht überzeugen. Die einzigen, die weiterhin Bücher hassen werden, sind und bleiben nun mal die Möbelpacker. Und die haben auch allen Grund dazu.